The Witch’s Spell: Ein Gothic-Märchen

 

The Witch’s Spell: Ein Gothic-Märchen

Ganz im Gegensatz zu den fröhlichen und bunten Shootings, die ich oft mit Frauen umsetze, wollte ich diesmal etwas Dunkles und Düsteres erschaffen. Während ich mir das Musikvideo zu „Frozen“ von Madonna ansah, kam mir die Idee, die Gothic -Szene mit der Geschichte einer Hexe zu kombinieren, die die Natur verzaubert und dadurch den Herbst einläutet. Ich wartete also auf den Herbst und sah mich nach Orten um, an denen die Natur verwelkt durch den „Zauber der Hexe“: Sterbende Blumen, welke Blätter, vertrocknete Maisfelder, usw.

 

Aber warum steckte ich meine Hexe in Gothic-Kleidung? Warum ist es gerade eine Hexe, die den Herbst verursacht? Praktizieren Anhänger der Schwarzen Szene schwarze Magie? Sind sie für den Winter verantwortlich? Was ist die Bedeutung des Ganzen? Lies weiter!

 

Missverständnisse in der Öffentlichkeit

Weil die Öffentlichkeit das Aussehen der Gothics fehlinterpretiert, kommt es oft zu Vorurteilen, Diskriminierungen und Intoleranz. Schwarz ist die vorherrschende „Farbe“; und gemeinsam mit dem bleichen Teint erinnert dies die Leute an den Tod und das Böse. Schlecht informierte Außenstehende entwickeln Vorurteile, weil sie sich nicht die Mühe machen, Gothics wirklich kennen zu lernen. Sie bleiben an ihrer Intoleranz kleben, ähnlich wie sie es vielleicht auch mit anderen Kulturen tun. Nur dass es in diesem Fall eine Subkultur ist: Das Fremde im Eigenen.

„Normale“ Leute bekommen also Angst. Sie fühlen sich unsicher und beleidigen Gothics vielleicht sogar, indem sie ihnen dumme Dinge hinterherbrüllen wie „Sataaan!“ oder sie attackieren, wie es 2008 in England der Fall war (Sophie Lancaster starb wegen solcher Vorurteile). So ein Verhalten ist nicht nur dämlich, ich finde es sogar unverzeihlich. Bevor man so einen Blödsinn von sich gibt oder gar Verbrechen aus Hass und Vorurteilen begeht, sollte man doch lieber seinen ganzen Mut sammeln und sich in Ruhe mit einem Mitglied der Gothic-Szene unterhalten. Vielleicht fängt man sogar an, diese Leute zu mögen, wer weiß? Oder, falls man sich noch nicht so ganz traut, kann man auch anfangen, erst einmal diesen Artikel zu lesen. Dann ist wenigstens ein Anfang gemacht!

 

Eine kurze Geschichte über die Schwarze Szene

Die Gothic-Szene entstand im England der 80er Jahre aus der Gothic Rock-Szene, die selbst wiederum aus dem Post-Punk hervorging. Sie bestand bis ins neue Jahrtausend weiter. In Westeuropa, vor allem in Deutschland, finden jedes Jahr große Festivals statt. Dazu gehören zum Beispiel das Wave-Gotik-Treffen in Leipzig und das M’era Luna in Hildesheim.

Seit den 80ern entwickelte sich eine große Anzahl an Splittergruppen: Dark Wave, Elektro sowie Teile der Neofolk- und Post-Industrial-Szene. Sie nennen sich selbst „die Schwarze Szene“, wobei dies kein Begriff für eine homogene Gruppe ist. Die „Schwarze Szene“ gibt eigentlich sehr vielen unterschiedlichen Menschen ein Zuhause. Dennoch verfügen sie über ähnliche Interessen und Vorlieben.

Wie Du sehen kannst, gehören eine Menge Musikgenres und Kleidungsstile zu Gothic dazu. Die „Farbe“ Schwarz ist zwar häufig anzutreffen. Es gibt jedoch auch sehr farbenprächtige Szenemitglieder, vor allem diejenigen, die Dark Wave und Industrial bevorzugen, die so genannten „Cyber Goths“. Es  gibt auch Gothics, die Samt, Seide und alles Düster-Romantische mögen. Die, die „Iros“ (Irokensen-Schnitte) tragen, so ähnlich wie ein Punk. Die, die viktorianische Kleider anziehen, mittelalterliche Roben, usw. Manche sind mehr Gothic als andere und man kann sich darüber streiten, ob bestimmte Gruppen dazugehören oder nicht. Aber eins ist sicher: Man kann alle von ihnen auf diesen Festivals treffen, von denen ich bereits erzählt habe.

Es ist mir nicht möglich, die Schwarze Szene perfekt zu definieren, also werde ich jetzt damit aufhören. Prinzipiell wollte ich Dir nur einen Eindruck von ihr vermitteln und Dir ein Sprichwort mit auf den Weg geben: Beurteile ein Buch nie nach seinem Einband – und einen Menschen nie nach seinem Äußeren!

© Madonna (Warner Bros Records) – Sie ist kein Gothic, sie hat sich nur verkleidet. Das Video zu „Frozen“ inspirierte mich zu diesem Shooting.

 

Über Toleranz in der Gothic-Szene

Gothics sind normalerweise recht aufgeschlossen. Sie kümmern sich nicht groß um kulturelle Hintergründe, geschlechtsspezifische Rollen oder sexuelle Vorlieben (solange niemand gegen seinen Willen verletzt oder benutzt wird). Während „normale“ Männer weiblichen Gothics gerne lüstern hinterherstarren, weil sie Netzstrümpfe, Strapse und Mini-Röcke tragen, wird das nie vorkommen, wenn Gothics unter sich sind. Weil Frauen in dieser Szene offen ihre Sexualität leben, sind sie stärker und selbstbewusster als Frauen, die das nicht können. Für männliche Gothics ist ihr Kleidungsstil vollkommen normal. Deswegen ist kein weiblicher Gothic eine Schlampe. Du musst in dieser Szene keine Genderrollen erfüllen. Du musst nicht die perfekte Frau, nicht den starken Mann spielen. Es ist sogar in Ordnung, wenn Du Dich irgendwo zwischen Frau und Mann siehst! Feminine Männer, maskuline Frauen, Homosexuelle und Transvestiten sind willkommen. Keiner schert sich um ihre Sexualität.

Dennoch gibt es Dinge, auf die Gothics intolerant reagieren können:

  • Die Normalbevölkerung gilt als konservativ, konsumorientiert, intolerant und egozentrisch. Leider trifft das tatsächlich auf viele Leute zu… Sei ehrlich!
  • Ein Gothic zu sein bedeutet viel mehr, als nur einen bestimmten Musikgeschmack zu teilen. Das ist eine „äthestische“, eine besondere Art und Weise zu sehen und gesehen zu werden. Du kannst nicht einfach nur etwas Schwarzes anziehen und voll akzeptiert werden – Du musst es schon richtig machen! Gothics tolerieren Poser zwar, reden aber über sie. Auf der einen Seite des Spektrums steht der „Über-Goth“, der es mit der vornehmen Blässe stark übertreibt und Unmengen von weißem Puder aufträgt. Das ist viel zu viel! Auf der anderen Seite stehen die Möchtegern-Gothics. Dabei handelt es sich meist um Teenager, welche die Gothic-Szene nur streifen, um ein wenig gegen die Gesellschaft und ihre Eltern zu rebellieren. In Wirklichkeit wissen sie nicht viel über die Szene und ihre Musik, aber wollen dazugehören. Wenn Du Buttons auf Deiner schwarzen Stofftasche befestigst, die Marilyn Manson, HIM oder die Blutengel zeigen, wissen alle, dass Du blutiger Anfänger bist! ( = Du weißt rein gar nichts)

 

Vorurteil 1: „Gothics glauben an Satan“

Es ist witzig, dass die Gesellschaft der Ansicht ist, Gothics würden Satan anbeten, denn es ist einfach nicht wahr. Der Gothic-Szene ist Musik, Kleidung und ein gewisser Lebensstil wichtig – aber sicher KEINE RELIGION!!!

Die meisten Gothics distanzieren sich offen vom Satanismus. Nicht nur vom Satanismus: Viele lehnen jede Form des Glaubens ab und bezeichnen sich selbst als Atheist (es gibt keinen Gott) oder als Agnostiker (bin mir nicht sicher, irgendwas gibt es bestimmt). Es kommt jedoch des öfteren vor, dass Anhänger der Schwarzen Szene ein gewisses Interesse an Philosophien und Weltanschauungen hegen. Manch einer mag sich die Satanische Bibel zulegen, um nachzuforschen, um was es beim Satanismus überhaupt geht. Aber wirklich daran glauben? Kindergarten…
(Du hast ja schon gelernt: Wissen ist besser als Glauben!)

Einige Anhänger der Gothic-Szene interessieren sich für Neo-Paganismus oder Okkultismus, weil sie sich für mythische und mysteriöse Dinge begeistern. Ein kleines Teil ist sogar christlich. Jedes Jahr auf dem WGT (Wave-Gotik-Treffen) findet ein „schwarzer Gottesdienst“ statt – nicht zu verwechseln mit der „schwarzen Messe“; das wäre Satanismus!

Vorurteil 2: „Gothics stehen auf den Tod“

Gothics mögen tot aussehen, aber sie sind sicher nicht scharf darauf, tot zu sein. Auch sie bevorzugen es zu leben! Anders als andere Leute behandeln sie den Tod jedoch nicht als Tabu-Thema. Genauso wenig wie Traurigkeit und Trauer. Sie denken darüber nach, sie reden darüber und manchmal schreiben sie sogar Gedichte.

Ein Gothic ist jemand, der Schönheit auch in den dunklen Aspekten des Lebens sieht. Die heutige Gesellschaft lehnt die Dunkelheit ab, weil sie mit dem Bösen assoziiert wird. Der Gute im Film ist oft blond und hellhäutig. Sein Protagonist hingegen hat braunes oder schwarzes Haar und eine dunkle Hautfarbe (oder ist Nazi oder Russe). Das Dunkle ist böse und muss zerstört werden. Das Gute muss triumphieren. Aber die Realität ist nicht so einfach gestrickt…

 

Es gibt nicht nur Leben, Liebe und Freude. Es gibt auch Tod, Verlust und Trauer.
Das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

 

Während die meisten Menschen versuchen, die negativen Seiten des Lebens zu verdrängen, nehmen Gothics diese einfach an. Sie wissen, dass man nicht 365 Tage im Jahr glücklich sein kann und tun auch nicht so, als ob sie es wären. Gothics verstehen, dass es kein wahres Glück ohne Unglück und kein Leben ohne Tod gibt.

Die Hexe in meinem Fotoshooting bringt der Natur den Tod. Aber der Tod ist nur ein temporärer Zustand. Nach dem Herbst kommt der Winter. Doch im Anschluss an den Winter beginnt der Frühling und alles wird wieder blühen. Es gibt kein Leben ohne Tod. Aber auch keinen Tod ohne Leben.

Ein Tribut an die Gothic-Szene – ein sehr inspirierender Ort.

 

Magst Du die Bilder? Und Gothics?
Denkst Du, ich habe die Gothic-Szene gut präsentiert oder sollte ich Deiner Meinung nach noch etwas ergänzen? Schreib einen Kommentar!

 

 

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